Was manche schon immer geahnt haben, ist jetzt auch wissenschaftlich erhärtet: Surfen im Internet kann labile Menschen süchtig machen. Belegt wird das jedenfalls durch Studien der US-amerikanischen Psychologin Kimberly S. Young, die in amerikanischen Medien als erste "Cyber-Psychologin" der Welt bezeichnet wird. Sie leitet das Center for On-Line Addiction der Universität Pittsburgh (Massachussets), das natürlich auch im Internet mit einer Website vertreten ist.
Die These der Cyberspace-Expertin:
"Mit dem WWW ist es ähnlich wie mit dem Trinken: Ein paar Bier sind in Ordnung, aber sobald es exzessiv wird in Hinsicht auf das eigene Wohlbefinden, haben wir ein Problem."
Rund 200 000 US-Bürger sind nach ihrer Schätzung von Internetsucht befallen. Auch in Deutschland beschäftigt man sich zunehmend mit dem Phänomen. Zum Beispiel auf der Fachtagung in Bredstedt (Nordfriesland) "Überdosis Internet? - Bringen neue Medien auch neue Suchtrisiken?" Berichtet wurde dort von Menschen, die in ihrer Cyberwelt am Computer derart aufgehen, daß sie ihre sozialen Kontakte abbrechen und damit den Verlust des Arbeitsplatzes sowie ihres Familienlebens riskieren. Umfassende statistische Daten über Internetsucht in Mitteleuropa sind kaum zu haben das Problem ist noch zu neu. Eine Vordiplomarbeit der Schweizerinnen Miriam Dubi und Annette Rutsch mit dem Titel "Das Suchtverhalten von Jugendlichen im Internet" von 1998 gibt immerhin erste Anhaltspunkte. Die Studie beschreibt u.a., welche Probleme Schülerinnen und Schüler beim WWW-Surfen haben:
"Orientierungsverlust, Informationsüberflutung und Verständnisschwierigkeiten". Wer wissen möchte, ob er an Symptomen, wie von Young beschrieben, leidet, kann beim Online-Magazin First Surf einen Online-Test abrufen.
Wann ist man Süchig ?
Kimberley S. Young, die sich auf die Auswirkungen von Computern auf menschliches Verhalten spezialisiert hat, beschäftigt sich vor allem mit Cybersex-Abhängigkeit und abweichendem Verhalten im Zusammenhang mit dem Internet. Ihr vielzitiertes Buch "Caught in the Net" ("Gefangen im Netz") soll in diesen Tagen beim Kösel Verlag in München erscheinen. Young bezeichnet User als abhängig, wenn sie außerhalb ihres Berufes "im Schnitt 38 Stunden in der Woche online verbringen". Ihrer Meinung nach, sind Personen, die mit ihrem Privatleben oder ihrer Arbeit unzufrieden sind, besonders gefährdet - "Sie wenden sich dem Internet zu, auf der Suche nach Trost und Hilfe".
Der Weg aus der Suchtschlinge
Internetsüchtige müssen mit ähnlichen Methoden wie Patienten mit Eßstörungen arbeiten - diese Erfahrungen hat die Computer-Expertin Young gemacht. "Statt totaler Abstinenz werden Techniken zur Mäßigung geübt, denn das Internet hat ja durchaus auch sinnvollen Nutzen."
Betroffene müßen mittels strikten Zeitplänen lernen, die Anzahl der Online-Stunden zu verringern. Als beste Hilfe gilt: "Einen Wecker neben den Computer stellen, der klingelt, daß es nun Zeit ist, aufzuhören."
Die Erfahrungen einer Cyberspace-Süchtigen
Eine die aus eigener Erfahrung weiß, hat das Thema WWW-Sucht literarisch aufgearbeitet: Gabriele Farke, die Lippstädterin ist selbst von der neuen Sucht betroffen."Sehnsucht Internet" (SmartBooks-Verlag 1998, ISBN 3-908489-12-1, 240 Seiten) erzählt sie vom "Magneten" WWW - und nennt z. B. das "Internet einen Ort der Freundschaft, der aber auch ein Ort der Enttäuschung ist". Das nächste Buch ist schon geplant, es soll " HexenKuss.de - Liebe, Lüge Lust und Frust im Internet" heißen.